„Fly & Ride“ erhält Dr.-Friedrich-Lehner-Preis

Wie wäre es, wenn ein Reisender in einer fremden Stadt einfliegt und sich nicht mit komplizierten Fahrkartenautomaten herum ärgern müsste? Es wäre das Paradies! Dr.-Ing. Thomas Sauter-Servaes hat ein Flug-Nahverkehrs-Kombiticket erdacht, über dessen Einführung im Rahmen eines Pilotprojektes bereits verhandelt wird. Die Forschungsarbeit wurde mit Mitteln des Bundesverkehrsministeriums gefördert.

Idee durch kombinierte Flug- und Nachtzugtickets

Für seine Doktorarbeit zu kombinierten Flug- und Nachtzugtickets befragte Dr.-Ing. Thomas Sauter-Servaes 650 Geschäftsreisende in Zürich. Eine der Fragen war: „Können Sie sich vorstellen, für einen inkludierten Nahverkehrsfahrschein einen Aufpreis auf ihr Flugticket zu zahlen?“. Die positive Resonanz inspirierte Sauter-Servaes zum aktuellen Forschungsprojekt.

„Die Vorteile für alle Beteiligten liegen auf der Hand“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Land- und Seeverkehr der Technischen Universität Berlin. Airlines könnten ihre Kunden mit einem nur im Internet buchbaren Angebot auf ihre Seiten lotsen und die komplette Reisekette aus einer Hand anbieten. Unternehmen könnten die Reisekosten ihrer Mitarbeiter weniger aufwändig abrechnen und sie zum umweltfreundlicheren wie kostengünstigeren Busfahren animieren. Für den öffentlichen Personennahverkehr würden sich völlig neue Kunden entscheiden und die Busfahrer, die den Flughafen ansteuern, würden von zeitaufwändigen Beratungen fremdsprachiger Kunden entlastet. Der Reisende selbst erspart sich die Suche nach einem Automaten und jede Menge Stress – auch bei der Bedienung der Maschine. Die Daten wurden als Online-Befragung von Kunden der Praxispartner Deutsche Lufthansa (Befragungseinladung über den Kundennewsletter) und TUIfly (Kopplung der Befragungseinladung an die Buchungsbestätigung) erhoben. Über 90 Prozent der Befragten bewerteten den „Fly & Ride“-Service als positiv.

Förderung durch das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung mit rund 86.000 Euro finanziert. Der Dr.-Friedrich-Lehner-Preis ist nach dem langjährigen Vorstandsmitglied der der ÜSTRA Hannoversche Verkehrsbetriebe und ehemaligen Präsidenten des Verbandes öffentlicher Verkehrsbetriebe (VöV) benannt. Er wird seit 1982 jährlich an junge Verkehrswissenschaftler und Verkehrswissenschaftlerinnen sowie –techniker und –technikerinnen (bis zum Alter von 35 Jahren) für „hervorragende Leistungen“ vergeben. Heute, am 3. Juni, wird er in Nürnberg an Thomas Sauter-Servaes von der TU Berlin verliehen.

Originalnachricht der Pressestelle der TU Berlin

„Sowohl als auch“ statt „entweder oder“

Verkehrsträgerübergreifende Kooperationen bilden ein interessantes Marketingfeld für den Schienenverkehr im Marktsegment des Personenfernverkehrs. Meine Dissertation schildert eingangs die gemeinsam von Luft- und Schienenverkehr realisierten intermodalen Verkehrsdienstleistungen. Als innovative Ergänzung werden multimodale Kombimodelle vorgestellt, deren Implementierung und Betrieb bedeutend einfacher und kostengünstiger umzusetzen sind.

Pionier im Feld dieser sogenannten „soft alliances“ ist das detailliert betrachtete Fallbeispiel Night&Flight, bei dem eine Nachtzugfahrt und ein One-way-Flug zu einem flexiblen Mobilitätsangebot verknüpft wurden. Dieses wurde von den Anbietern speziell als Verkehrsdienstleistung für die Zielgruppe Geschäftsreisende beworben. Für Night&Flight konnten auf der Theorieebene gegenüber den monomodalen Reiseoptionen Kundenvorteile in den Bereichen der zeitlichen Flexibilität, der Zuverlässigkeit, des Reisepreises sowie klassischer weicher Verkehrsmittelwahlfaktoren (Kontrasterlebnis, Reisezeitnutzbarkeit, Lebensstilkompatibilität) identifiziert werden. Die Analyse des Geschäftsreisemarktes zeigt auf, dass sich die Verkehrsmittelwahl in den Bereichen Akteure (Entscheidung, Informationsbeschaffung), Kostensensibilität und Finanzierung deutlich von der Privatreise unterscheidet. Gleichzeitig resultieren aus dem wachsenden Kostendruck bei Geschäftsreisebuchungen zwei gegenläufige Trends. Beide durchbrechen die bisherigen Reisebuchungsroutinen und steigern prinzipiell die Markttransparenz, womit die Chance für innovative Angebote wie Night&Flight grundsätzlich steigt.

Mit dem modifizierten innovationstheoretischen Forschungsansatz von ROGERS wurde überprüft, inwieweit das Angebot von der Zielgruppe überhaupt wahrgenommen wird und die theoretischen Nutzenvorteile tatsächlich realisiert werden können. Zwei Teilerhebungen mit Kunden und Non-Usern ergaben, dass der Nachtzugverkehr mit Night&Flight keine Neukunden akquirieren kann, allerdings nachtzugerfahrene Reisende hierdurch verstärkt den Nachtzug statt das Flugzeug nutzen.

Langfristig ist der nächste Schritt auf der Entwicklungs- und Professionalisierungs-Treppe „nutzerorganisiert – betreiberorganisiert – providerorganisiert“ notwendig, um multimodale Reisen aus dem vollständigen Marktangebot zu erstellen und im Geschäftsreiseverkehr berücksichtigt zu werden. Letztlich muss eine Softwarelösung angestrebt werden, die aufbauend auf den luftverkehrsseitig bestehenden intramodalen Vergleichswerkzeugen um die Bahnwelt erweitert wird. Dabei garantiert nur die Aufweitung der Perspektive vom Nachtzugverkehr auf das komplette Schienenpersonenverkehrsangebot das Erreichen der kritischen Masse, die eine Refinanzierung der Investitionen in die Buchungstechnologie ermöglicht. Beim Aufbau dieses „Systemhauses Fernverkehr“ ist unbedingt auf den fairen Vergleich der verkehrsträgerspezifischen Bausteine zu achten (Reisezeit, -preis). Download